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©2010 ZNL Ulm

Kolloquium  “Gehirn und Pädagogik”

Zeit:  Dienstag, 17.00 bis 18.30 Uhr
Ort: Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL)
Beim Alten Fritz  2
89075  Ulm
Obergeschoss,  Veranstaltungsraum Ost

Wir bitten neu hinzukommende Zuhörer um  telefonische Anmeldung im Sekretariat des ZNL unter 0731 500-62000.

7.2.2012

Unterrichten durch Forschung – Lernen durch Lehren: Bausteine in der finnischen Lehrerbildung
Prof. Matti Meri, Helsinki, Finnland

Wenn wir nach gelingender Bildung und erfolgreicher Lehrerausbildung Ausschau halten, dann blicken wir stets auch nach Finnland. Dort soll der Lehrerberuf so attraktiv sein, dass nur die Besten der Besten zugelassen werden können. Und die gute Lehrerausbildung soll mit dafür verantwortlich sein, dass Finnland PISA-Sieger werden konnte. Irgendwas machen die Finnen bei der Auswahl der künftigen Lehrer und bei deren Qualifizierung anscheinend richtig.

Mit diesem Erfolgssystem eng verbunden ist ein Name: Matti Meri. Er hat seine pädagogische Tätigkeit 1966 als Grundschullehrer angefangen und bis Ende 1994 in der Deutschen Schule in Helsinki gearbeitet. Von 1995 ist er erst als Universitätslektor an der Universität Helsinki tätig gewesen und ab 2000 als Professor für Allgemeindidaktik. Er war Leiter des Institutes für Lehrerbildung an der Uni Helsinki von 2004 bis 2006. Er hat die Erneuerung der Lehrerbildung in Finnland geleitet und neue Methoden für die Aufnahmeverfahren der Lehrerstudenten entwickelt. Professor Meri hat in mehreren Universitäten und Hochschulen in Deutschland, Österreich, Holland, Luxemburg und in der Schweiz unterrichtet und zahlreiche Vorträge gehalten. Er hat bei der Veränderung des Unterrichtswesen in Serbien und Mosambik mitgewirkt. Zu seinem momentanen Forschungsinteressen gehören Themen wie Individualisierung im Unterricht und Kernkompetenzen der Lehrer.
 

17.1.2012

Lernen als evolutionäre Anpassung
Dr. Herbert Renz-Polster, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Medizinische Fakultät Mannheim

Wie Kinder lernen und was ihnen dabei leicht bzw. schwer fällt, hat etwas mit ihrer adaptiven Beladung zu tun, also mit ihrer Evolutionsgeschichte. Die kindliche Entwicklung kann in ihren universellen (kulturunabhängigen) Anteilen ja als eine evolutionäre Auswahl von effektiven Lern- und Überlebensstrategien verstanden werden. Als solche bekommen viele entwicklungsgebundene Verhaltensweisen der Kinder einen zum Teil ganz neuen Sinn (von der Gemüseverweigerung bis zur “Trotz”-Phase).
Um diesen Ansatz soll es an diesem Abend gehen: warum entwickeln sich Kinder so wie sie sich entwickeln? Worin liegt der adaptive (überlebensvorteilige) Wert bestimmter Lernstrategien? Welche Rolle spielt aus evolutionärer Sicht das Lernen von Kind zu Kind, besonders das Lernen in gemischtaltrigen Gruppen?
 

13.12.2011

Vielfalt lernen: Lehrerbildung durch Schülerförderung
Prof. Christian Fischer, Internationales Centrum für Begabungsforschung – ICBF der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Im Hinblick auf einen möglichst optimalen Umgang mit Vielfalt im schulischen Kontext bedarf es der gezielten Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler durch adaptive Gestaltung des Unterrichts. Konkret erfordert dies die gezielte Anpassung der Lernangebote an die diagnostizierten individuellen Lernausgangsvoraussetzungen, um das Lernpotenzial aller Schülerinnen und Schüler ausschöpfen zu können. Dazu bedarf es einer adaptiven Lehrkompetenz bei Lehrpersonen, die neben erweiterten didaktischen vor allem auch grundlegende diagnostische Kompetenzen voraussetzt.
Dies setzt eine kompetenzorientierten Lehrerbildung voraus, wobei geeignete Rahmenbedingungen für die Implementierung einer individuellen Schülerförderung erforderlich sind. Im Hochschulkontext bieten sich dazu innovative schulische Praxisphasenmodelle in Verbindung mit adäquaten universitären Lehrveranstaltungsformaten an. Vor diesem Hintergrund ist an der Universität Münster der Schwerpunkt „Kompetenzorientierte Lehrerbildung durch individuelle Schülerförderung“ entstanden, bei dem diverse Praxisphasenmodelle im Umgang mit Vielfalt entwickelt und erprobt wurden.
In diesem Vortrag soll nun ein Praxisphasenmodell („Forschungspraktikum zum Forder-Förder-Projekt“) vorgestellt werden, bei dem Lehramtsstudierenden in einem Lehrveranstaltungsformat („Selbstreguliertes Lernen in der individuellen Förderung“) im universitären Kontext grundlegende diagnostische und didaktische Kompetenzen erwerben, die sie unmittelbar für den Lernkompetenzerwerb (Strategien selbstregulierten Lernens) bei Schülerinnen und Schülern im schulischen Kontext („Forder-Förder-Projekt“) umsetzen können, was auch durch empirische Studien belegt werden könnte.
 

ACHTUNG
6.12.2011
17:15 Uhr

Nur wo der Mensch spielt, ist er ganz Mensch
Prof. em. Dr. Rolf Oerter, Ludwig-Maximilians Universität München (LMU), Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie

Nach einer Herleitung des Spielverhaltens aus der evolutionären Vergangenheit werden Merkmale des Spiels, seine Entwicklung in der Kindheit und seine Funktionen dargestellt. Dabei wird besonders die Bedeutung des Spiels für Lebensbewältigung und mentale Hygiene hervorgehoben.
Danach werden anhand von unterrichtsnahen Aktivitäten, wie Projekten, naturwissenschaftlichen Experimenten und mathematischen Gedankenspielen, Möglichkeiten des Lernens im und durch Spiel diskutiert. Dabei stellt sich heraus, dass man den gegenwärtigen Slogan „spielend lernen“ in „lernend spielen“ umformulieren sollte.

Den meisten Psychologiestudenten/innen ist Herr Oerter durch das Standardwerk „Entwicklungspsychologie“ bekannt, das er zusammen mit Leo Montada bereits in der 6. Auflage (2008) herausgegeben hat. Außerdem wurden Prof. Oerter und Prof. Spitzer jeweils für ihre Verdienste mit dem Preis der Margrit-Egnér-Stiftung 2010 ausgezeichnet.

http://www.edu.uni-muenchen.de/~oerter/
 

29.11.2011

Interaktive Messverfahren zur Erfassung von körperlicher Aktivität und Stress im Alltag
Stefan Hey, Karlsruher Institut für Technologie, House of Competence – hiper.campus, Karlsruhe

Bei der Untersuchung von körperlicher Aktivität und Stress im Alltag gewinnen in den letzten Jahren neben der Erhebung durch Fragebogen zunehmend Verfahren an Bedeutung, die neben der rein subjektiven Beurteilung auch eine objektive Erfassung anhand von Biosignalen vornehmen. Bewegung und Stress sind Phänomene, die in den letzten Jahren in allen Bereichen der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen haben und von Natur aus einen sehr komplexen Zusammenhang von externen Belastungen, subjektiver Einschätzung und psychischen und physiologischen Reaktionen widerspiegeln.
Die Erfassung dieser komplexen Prozesse erfordert eine möglichst umfassende Messung aller auftretenden Komponenten. Basierend auf einem Stressmodell, das angelehnt ist an das Modell von Ice und James (2007), wurde ein integriertes System entwickelt, mit dem eine gleichzeitige Erfassung von subjektiven Einschätzungen der betreffenden Person und den auftretenden physiologischen Reaktionen ermöglicht.
Grundlage dieses Systems bildet ein mobiles Gerät zur Messung psycho-physiologischer Parameter (EKG, Atmung, körperliche Aktivität), aus denen weitere mit Stress korrelierte Parameter ermittelt werden können. Das Gerät besteht aus einem Brustgurt mit Trockenelektroden, der eine Langzeitmessung des EKG erlaubt und mittels eines integrierten 3-Achsen Beschleunigungssensors die körperliche Aktivität einer Person erfasst. Die Analyse der Daten erfolgt online auf dem mobilen System. Über eine in das Messgerät integrierte Funkschnittstelle (Bluetooth) kann eine Verbindung zu einem Smartphone hergestellt werden. Auf dem Smartphone ist die Software myExperience installiert, die auf einer open source Software basiert und eine Erfassung von subjektiven und verhaltensbezogenen Nutzerdaten über elektronische Fragebogen und elektronische Tagebücher ermöglicht. Dadurch können z.B. bei der Überschreitung gewisser Grenzwerte interaktiv Informationen über die aktuelle Situation oder die Befindlichkeit des Benutzers erfasst werden.
 

27.9.2011

Innovating education: perspectives on innovation in teaching and learning from CERI research
Dr. Dirk van Damme, Leiter des „Center for Education Research and Innovation“ (CERI) der OECD

Education is a social system which is inherently ‘slow’. Emile Durkheim once called education the most conservative of all societal institutions. It has a specific relationship to time and the pace of individual and cultural development. Yet, in times of rapid social change education is increasingly seen as ‘out of tune’ with changes elsewhere in society and hence, in need of change. This seems to be the case today. Various factors and actors drive the demand for innovation in education, ranging from the demand for so-called 21st Century skills in the economy and the labour market, over political demands for more effective and equitable educational arrangements, to significant advancements in the learning sciences. Over the past years the OECD Centre for Educational Research and Innovation has focused on innovation in education in various research projects, such as the Innovative Learning Environments (ILE) project, the contribution of CERI to the OECD Innovation Strategy and the new Innovative Teaching for Effective Learning (ITEL) project. In this presentation an attempt will be made to bring together some of the findings and outcomes of these projects into a comprehensive view on innovating education.

20.9.2011

Sprachliche und nicht-sprachliche auditive Verarbeitung bei Lese-Rechtschreibstörung
Dr. Claudia Steinbrink, Fachgebiet Psychologie der Frühförderung, Fachbereich Sozialwissenschaften, Universität Kaiserslautern

Lese-Rechtschreibstörung (LRS) ist definiert als eine spezifische Störung des Lese-Rechtschreiberwerbs, die nicht durch Intelligenzminderung, Motivationsmangel oder mangelnde schulische Unterweisung erklärbar ist. Es ist unstrittig, dass LRS eine neurobiologische Basis hat und auf der Verhaltensebene durch Störungen der phonologischen (sprachlichen) Informationsverarbeitung gekennzeichnet ist. Unklar ist jedoch, ob Defizite in der phonologischen Informationsverarbeitung die primäre Ursache der LRS darstellen, oder ob sie sekundär aus Schwierigkeiten bei der Verarbeitung basaler akustischer Parameter des Sprachsignals entstehen. Mit unserer Forschung, die sowohl mit verhaltensexperimentellen Methoden arbeitet, als auch moderne bildgebende Verfahren der Hirnforschung nutzt, möchten wir einen Beitrag zur Klärung dieser Frage leisten. Verhaltensstudien bringen wichtige Erkenntnisse bezüglich der Verarbeitungsschwierigkeiten bei LRS, können aber nicht direkt zur biologischen Basis der LRS vordringen. Im Gegensatz dazu bieten bildgebende Verfahren wie die funktionelle Kernspintomographie (fMRT) zwar direktere Einblicke in die neuronale Basis der LRS, sind aber mit größeren Einschränkungen im experimentellen Design verbunden. In meinem Vortrag werde ich einen Überblick über unsere mittels Verhaltens- und fMRT-Experimenten gewonnenen Forschungsergebnisse geben.

12.7.2011

Schriftsprachunterricht in alters- und leistungsgemischten Lerngruppen der Basisstufe. Ein Ansatz und Beispiele aus einem Berner Forschungsprojekt
Hansjörg Abegglen-Pfammatter, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH), Zürich

Mit der Schulform Basisstufe wird die alters- und leistungsbezogene Heterogenität bewusst erhöht. Eine Didaktik zu realisieren, welche den individuellen Entwicklungsstand von 4 – 8-Jährigen Kindern berücksichtigt und die Ressourcen der heterogenen Zusammensetzung einbezieht, stellt eine grosse Herausforderung für die Lehrpersonen dar. Das Referat und die dargebotenen Inhalte geben einen Einblick in ein Forschungsprojekt des Instituts für Heilpädagogik der Pädagogischen Hochschule Bern. Es werden Ansätze der praktischen Umsetzung und Praxisbeispiele zum Lesen- und Schreibenlernen in alters- und leistungsheterogenen Gruppen aufgezeigt. Schliesslich wollen wir uns Zeit zum Austausch und für Ansätze des Transfers nehmen, da davon ausgegangen werden kann, dass es sich bei allen Anwesenden – inklusive dem Referenten – um eine sehr heterogene Gruppe handeln wird.

24.5.2011

Individuelles Lernen – Zur Umsetzung im Schulalltag
Ursula Locher MA Ed., Pädagogische Hochschule Zürich

„Lernen ist ein aktiver und individueller Prozess.“ – „Wer nicht weiß, wo er hin will, muss sich nicht wundern, wenn er nicht dort ankommt.“ – „Es gibt nur ein Ziel, gegen das sich keiner wehrt: Das eigene.“ Das alles sind Binsenweisheiten, die zwar auf Erkenntnissen der Lernforschung beruhen, es aber den Lehrkräften nicht leichter machen, den Schulalltag zu gestalten. Umso neugieriger sind wir auf gelingende Beispiele aus der Praxis. Ein solches wird uns Frau Locher vorstellen. Sie arbeitet mit Schülern der 7. - 9. Klasse. Die Schüler schätzen sich in ihrem Unterricht selber ein und bestimmen ein Vorhaben, um ihre  Lernziele zu erreichen.

10.5.2011

Ethik im Gehirn II: Hin zum versprochenen Flatland?
Bruno della Chiesa, OECD Paris

Die Neurowissenschaft ist dabei, biologische Mechanismen zu entdecken, die zur Entstehung von Ethik in unseren Gehirnen beitragen. Vor einem Monat fragten wir uns, was es für uns alle bedeutet, dass Wissenschaft damit Fragen über Ethik im Gehirn zu „beantworten“ anfängt. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass die Forschung je zu übersimplifizierten Aussagen kommt, wie „Menschen werden ungleich geboren, was die Ethik anbelangt“ oder umgekehrt „Ethische Standards werden nur erlernt und haben mit der Biologie nichts zu tun“, werden unsere Massenmedien in ihrer heutigen Logik bestimmt etliche Entdeckungen auf diesem Gebiet so klingen lassen. Können/dürfen wir unsere wichtigsten politischen und philosophischen Fragen einer wenigstens zum Teil ignoranten (und auch sich-selbst-ignorierenden) Propaganda überlassen? Wenn es dazu kommt, möglicherweise sogar unsere Vorstellung von uns selbst als Spezies zu revidieren, wenn nicht radikal zu verändern, ist mindestens Vorsicht geboten…
Um die Fragen zu veranschaulichen und den Ball ins Rollen zu bringen, werden wir uns am 10. Mai zweierlei Übungen gönnen. Zuerst werden wir eine kürzlich erstellte Hypothese untersuchen, die die Beziehung zwischen dem Erlernen von Sprachen, der Entwicklung von kulturellem Bewusstsein und der Entstehung von Ethik beim Menschen fokussiert (dies war ursprünglich für das Kolloquium im April vorgesehen, wurde aber aus Zeitgründen verschoben). Ausgehend von der Grundidee, dass „ein Fisch nicht weiß, was Wasser ist“ (oder, um es mit Goethe zu sagen: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“), und unter Hinzunahme diverser transdisziplinärer Quellen über linguistische/kulturelle Diversität, wird der Zusammenhang zwischen Fremdsprachenlernen und der Entwicklung von interkultureller Empathie und dem (partiellen) Zugang zu globalem Bewusstsein pro-sozialer globaler Ethik hinterfragt. Dann wollen wir eine Diskussion anfangen, die um die Fragen der „Ethik im Gehirn“ kreisen wird. Goethes Sinnspruch suggeriert, dass Mehrsprachigkeit für ein metalinguistisches und metakulturelles Bewusstsein grundlegend ist: Was halten Sie davon? Und: Was kann/muss damit gemacht werden? Wollen wir unsere Kinder im Sinne von mehr Toleranz erziehen? Aus ihnen kosmopolitischere Leute machen?
Um sich auf diese Debatte vorzubereiten, brauchen TeilnehmerInnen nur zu wissen, was ein Tesserakt (4-D Hyperwürfel) ist. Wenn Sie das schon kennen, einfach kommen. Wenn nicht, dann schauen Sie sich bitte folgendes Video an (7 Minuten; auf Englisch):
http://www.youtube.com/watch?v=fVXV8XB-GPo
Und/oder jene Animation (2 Minuten – ohne Ton):
http://www.youtube.com/watch?v=Bn7HDBj9ZQQ&feature=related
Dann werden Sie (vielleicht!) wissen, was ein Tesserakt ist. Und wenn nicht, dann umso besser – noch ein Grund, am Dienstag zu kommen!
Nun von der Geometrie und Linguistik zu einer alten philosophischen Frage, die sich bald in ein sehr  konkretes Problem verwandeln wird: Was ist „menschlich“?
 

12.4.2011

Ethik im Gehirn? Navigieren zwischen Skylla und Charybdis
Bruno della Chiesa, OECD Paris

Werden Menschen was die Ethik anbelangt ungleich geboren? Oder werden ethische Standards erlernt? Oder beides zusammen: Vererbung und Sozialisation? Die Neurowissenschaft ist dabei, biologische Mechanismen zu entdecken, die zur Entstehung von Ethik in unseren Gehirnen beitragen. Wie auch immer die Entdeckungen auf diesem Gebiet aussehen werden, sie könnten unsere philosophischen, politischen und bildungsrelevanten Ansichten (und sogar die Art und Weise wie wir uns selbst als Spezies betrachten)  bald radikal verändern.
Können wir über die ausschlaggebenden und manchmal beängstigenden Fragen und Antworten Aufschluss geben, mit denen wir in Zukunft bestimmt konfrontiert werden? Hier ist Vorsicht geboten, denn zwischen Skylla und Charybdis zu navigieren, ist gefährlich.
Nicht nur Neurowissenschaftler und Psychologen, sondern auch Philosophen, Soziologen, Anthropologen und Bildungsforscher, sowie politische Entscheidungsträger und Lehrer sollten sich besser früher als später Gedanken über die Auswirkungen der weitreichenden Fragen machen, die mit in den kommenden Jahren zu erwartenden Erkenntnissen zusammenhängen.
Um die Debatte zu veranschaulichen und den Ball ins Rollen zu bringen, werden wir eine kürzlich erstellte Hypothese untersuchen, die die Beziehung zwischen dem Erlernen von Sprachen, der Entwicklung von kulturellem Bewusstsein und der Entstehung von Ethik beim Menschen fokussiert. Ausgehend von der Grundidee, dass „ein Fisch nicht  weiß, was Wasser ist“ (oder, um es mit Goethe zu sagen: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“), und unter Hinzunahme diverser transdisziplinärer Quellen über linguistische/kulturelle Diversität, gehe ich davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen Fremdsprachenlernen und der Entwicklung von interkultureller Empathie, und dem (partiellen) Zugang zu globalem Bewusstsein, pro-sozialer globaler Ethik und der Entwicklung eines kosmopolitischen Geistes besteht.
Goethes Sinnspruch suggeriert, dass Mehrsprachigkeit für ein metalinguistisches und metakulturelles Bewusstsein grundlegend ist. Wenn gut fundierte neurowissenschaftliche Arbeit, evtl. in Verbindung mit qualitativer und quantitativer Forschung diese Hypothese bestätigt, hoffen wir auf einen kleinen Fortschritt in Richtung von mehr Toleranz. Eine solche Idee könnte nicht nur Forschungsrichtungen für Kollegen eröffnen, die an einigen oder allen dieser Bereiche interessiert sind, sondern uns auch auf den Moment vorbereiten, wenn sich im Laufe des 21. Jahrhunderts eine alte philosophische Frage in ein konkretes Problem verwandeln wird: was ist „menschlich“?

25.1.2011

Neuere Gehirnforschungen und effektiver eine Sprache lernen mit Bewegung, Visualisierung und Partnerarbeit (Mit Videobeispiel) - Im Anschluss lernen Freiwillige Russisch.
Prof. Dr. em. L. Schiffler, FU Berlin

In einem Video über die Gehirnfunktionen wird gezeigt, wie wichtig es ist, kontextuell zu lernen und wie der Kontext auch die mentale Visualisierung (Vorstellung) beim Sprechen aktiviert. Die Bedeutung der Spiegelneuronen für das Lernen wird aufgezeigt.
Anschließend wird in einer Unterrichtsaufzeichnung von einer Zeitstunde gezeigt, wie diese Überlegungen im Französisch-Unterricht mit Französisch als 3. Fremdsprache nach einem Jahr Unterricht umgesetzt werden und zu außerordentlich hohen Lernergebnissen bei allen Schülern führen.
Abschließend wird ein Text mit 12 russischen Wörtern in derselben Form mit Freiwilligen in ca. 15 Minuten gelernt. Die Probanden sollten, ebenso wie die Schüler,  im Durchschnitt 80 % behalten.

11.1.2011

Zweit- und Dritt-Sprachentwicklung und deren Relevanz für die Bildungslandschaft
Herr Prof. Maurits van den Noort, Kyung Hee Universität in Südkorea und Freie Universität Brüssel

Zwei- und Mehrsprachigkeit sind heutzutage nichts besonders mehr. In den meisten Ländern der Welt sprechen die Menschen mehr als eine Sprache. Es wird erwartet, dass aufgrund der zunehmenden Migrationsströmungen in vielen Teilen der Welt und wegen der immer größer werdenden Internationalisierung, die Zahl der Menschen, die zwei oder mehr Sprachen sprechen, in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird. Auch die gegenwärtige Politik der Europäischen Union unterstützt Zwei- und Mehrsprachigkeit, sowie multilinguale Bildung. In diesem Vortrag werde ich zuerst die bisherigen psycholinguistischen und neurolinguistischen Erkenntnisse der Zwei- und Mehrsprachigkeitsforschung präsentieren. Ich werde kurz die Ergebnisse einiger meiner Studien besprechen und erläutern, was im Bereich der Zwei- und Mehrsprachigkeitsforschung bisher im Allgemeinen gefunden wurde. Danach werde ich mich auf die Implikationen für die Bildung, und im Speziellen auf die Bildungssituation in Deutschland fokussieren. Welche Änderungen sind notwendig, um die Zweit- und Drittsprachkenntnisse der deutschen Schüler/Studenten weiter zu verbessern? Schließlich werde ich die Chancen besprechen, die ich für Deutschland sehe, um eine noch bessere Position in der immer mehr internationalisierenden Welt der Zukunft zu bekommen.

7.12.2010

„Schulreifes Kind“: Erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung eines Projektes zur kompensatorischen Erziehung im letzten Kindergartenjahr
Marcus Hasselhorn, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (dipf)Wolfgang Schneider & Hermann Schöler

Seit 2006 hat das Land Baden-Württemberg ein Modellprojekt an mittlerweile ca. 300 Standorten realisiert, dessen Ziel es ist, Kindern mit schulrelevanten Entwicklungsrückständen im fünften Lebensjahr noch während der Kindergartenzeit durch spezielle Förderangebote so kompetent zu machen, dass sie gute Chancen auf einen erfolgreichen Schuleinstieg haben. Dazu wird die Schuleingangsdiagnostik auf das vorletzte Kindergartenjahr vorgezogen und im letzten Kindergartenjahr für Kinder mit besonderem kompensatorischen Förderbedarf ein regelmäßig Förderangebot realisiert. Zur Evaluation der Wirksamkeit des Projektes wurden an 31 Standorten alle Kindergartenkinder, die 2009 die gesetzliche Schulpflicht erreichen, seit Frühjahr 2008 in halbjährlichen Abständen in ihrer Entwicklung in Bereichen untersucht, die sich als gute Prädiktoren schulischen Erfolges in der Grundschule erwiesen haben. Vorgestellt werden soll das Design der wissenschaftlichen Begleitung und das Spektrum der Entwicklungsbereiche, die dabei erhoben wurden. Berichtet werden darüber hinaus bisherige Ergebnisse zur Wirksamkeit bzw. zu den Wirkungen der realisierten zusätzlichen Förderangebote.

2.11.2010
Raum: Bibliothek
2. OG

Der Einfluss von fluider Intelligenz auf mathematische Fähigkeiten.
Franziska Preusse, Berlin NeuroImaging Center an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Fluide Intelligenz ist eine Grundlage für mathematisches Denken. Hohe fluide Intelligenz ermöglicht hohe Leistungen in kognitiven Aufgaben und zum Beispiel im Mathematikunterricht. Um zu verstehen, wie Leistungsunterschiede im Schulunterricht zu Stande kommen, untersuchen wir die Gehirnaktivität und Blickbewegungsstrategien zweier Schülergruppen mit unterschiedlichen Intelligenzniveaus. Bisher sind die neuronalen Korrelate fluider Intelligenz gerade im Hochleistungsbereich kaum untersucht. Bisherige Befunde zum Zusammenhang zwischen Intelligenzniveau und dem Ausmaß an neuronaler Aktivierung im Gehirn sind sehr uneindeutig. Zum Untersuchen von fluider Intelligenz im Laborversuch eignet sich die geometrische Analogieaufgabe, da sie fluides Denken in einer sehr puren Form erfordert und von Vorwissen unabhängig ist.
Die Daten der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen, dass eine bessere behaviorale Leistung in der Schülergruppe mit hoher fluider Intelligenz assoziiert ist mit stärkeren Aktivierungen parietaler Hirnregionen, aber gleichzeitig geringeren Aktivierungen frontaler Hirnregionen – beides jeweils im Vergleich zur Schülergruppe mit durchschnittlicher fluider Intelligenz. Die Verarbeitung konfligierender Informationen benötigt mehr neuronale Ressourcen bei Schülern mit durchschnittlicher fluider Intelligenz.
Des Weiteren verwenden die Teilnehmer mit hoher fluider Intelligenz effizientere Blickbewegungsstrategien beim Lösen der geometrischen Analogieaufgabe. Sie benutzen häufiger die Strategie des logischen Informationsabgleichs und seltener die weniger effiziente Strategie des Ausschlusses von Antworten. Mit Hilfe der Augenbewegungsdaten können die behavioralen Daten erklärt werden und Leistungsunterschiede auf kognitive Prozesse der Informationsaufnahme attribuiert werden.
Der Vortrag stellt dar, wie fluide Intelligenz bessere behaviorale Leistungen ermöglicht durch flexible Modulation parietaler und frontaler Hirnregionen und unter Verwendung effizienter Blickbewegungsstrategien.

28.9.2010

Didaktik der schulischen Integration/Inklusion
Prof. Dr. em. Georg Feuser, Universität Zürich

Seit mehr als drei Jahrzehnten gibt es auch in Deutschland intensive Bemühungen, das hoch selektive und segregierende Schulsystem durch "Integration" in ein inklusives, nicht ausgrenzendes zu überführen und im Unterricht der Heterogenität der Schülerschaft Rechnung zu tragen. Dieser Prozess erweist sich im Feld der Pädagogik und bezogen auf das Erziehungs- und Bildungssystem primär als didaktische Frage, die es zu lösen gilt. Lernen durch "Kooperation am Gemeinsamen Gegenstand" kennzeichnet dabei eine von zwei zentralen didaktischen Momenten einer "Allgemeinen Pädagogik". Um den skizzierten 'integrativen' Anspruch einlösen zu können, bedarf diese Pädagogik einer "entwicklungslogischen Didaktik", die als zweite zentrale didaktische Kategorie eine entwicklungsniveaubasierte innere Differenzierung erfordert. Beide sich dialektisch vermittelnde Kategorien können als das 'didaktische Fundamentum' inklusiver Pädagogik verstanden werden.
Der Vortrag versucht diese komplexen Zusammenhänge zu verdeutlichen. Sie implizieren auch ein revidiertes Menschenbild und in Abkehr von der Defizitorientierung ein kompetenzbasiertes Verständnis von 'Behinderung' sowie eine grundlegende Orientierung an dem gegenwärtigen neurowissenschaftlichen Forschungsstand zur Frage menschlicher Persönlichkeitsentwicklung und Lernens, der schon als seit nahezu einem Jahrhundert in der "Kulturhistorischen Schule" grundgelegt gesehen werden kann.

14.9.2010

Multimodales sensomotorisches Fremdsprachenlernen durch Voice Movement Icons (VMI)
Dr. Manuela Macedonia, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig

In herkömmlichen Sprachkursen werden Dialoge und andere Arten von Texten durch Hörverständnisübungen präsentiert. Eine Alternative dazu sind „Voice Movement Icons (VMIs)“, eine multimodale, sensomotorische Lernstrategie, bei der Lernende den Text aussprechen und zu schwer assoziierbaren Vokabeln eine ikonische oder symbolische Bewegung ausführen. Diese Bewegung wird zunächst von der Lehrkraft gezeigt, danach durch die Lernenden eine gewisse Anzahl von Malen wiederholt.
Im Verhaltensexperiment steigern VMIs im Vergleich zu audiovisuellem Lernen (Hören und Lesen von Vokablen) das Memorieren von Wörtern quantitativ und qualitativ: Lernende merken sich signifikant mehr Vokabel und vergessen sie langsamer. Im Magnetresonanztomographie-Experiment wird bei Wörtern, die mit VMIs gelernt werden, Gehirnaktivität beobachtet, die multimodale sensomotorische Netzwerke belegt.
Die verbesserte Behaltensleistung ist hauptsächlich auf zwei Faktoren zurück zu führen: Zum einen auf die Motorik, zum anderen auf die bildhafte Komponente der Gesten. Das Bildhafte der Geste stellt eine besondere Komponente der Begriffssemantik dar und reichert die Vokabel in der Fremdsprache an, die ansonsten lediglich als Phonemkette wahrgenommen wird, um visuelle und assoziative Merkmale.
Voice Movement Icons stellen eine bewährte Lernstrategie dar, die im Unterricht an Erwachsene experimentell belegt ist. Ihre Verwendung ist sowohl bei Kindern als auch bei Menschen mit niedriger Alphabetisierung (Integrationssprachkurse) erprobt und aufgrund des intrinsisch intuitiven Gehaltes dieser Lernstrategie empfohlen.
Darüber hinaus verbinden Voice Movement Icons Sprache mit Gesten und überwinden im pädagogischen Vorgehen die künstlich eingeführte kartesianische Dichotomie zwischen Körper und Geist zugunsten eines integrativen Zuganges, der die kognitiven Kapazitäten von Lernenden besser nützt.

ACHTUNG
20.7.2010
16:30 Uhr

Reducing the gap between School and University
Elemente einer Struktur für die Zusammenarbeit zwischen akademische Schulen, Lehrerausbildungsinstitute und Universitäten

Dr. Leo Tillmanns, Maastricht

Herr Dr. Tillmanns als ehemaliger Projektmanager der Akademischen Schulen Limburg und derzeitiger Berater des Akademischen Schulprojekts in den Niederlanden wird über Forschung innerhalb der Schulen unter Einbezug von Lehrer sprechen.

ACHTUNG
15.7.2010
17:00 Uhr

„Tools of the Mind“
Dr. Elena Bodrova, Senior Research Fellow am National Institute for Early Education Research, Rutgers Graduate School of Education, The State University of New Jersey

Der Vortrag findet auf Englisch statt.

13.7.2010

Musik, Sprache und Spracherwerb
Dr. Stephan Sallat, Sächsische Landesschule für Hörgeschädigte Leipzig

Sprache und Musik zeigen bezüglich ihrer Struktur, ihrer neuronalen Verarbeitung aber auch bezüglich der in ihrem Erwerb wirkenden Lern- und Entwicklungsmechanismen sowie im Verlauf der Phylo- und Ontogenese eine Reihe an Gemeinsamkeiten auf. Zusätzlich konnten Transfereffekte einer intensiven Beschäftigung mit Musik auf Sprachverarbeitungsprozesse wie beispielweise phonologische Arbeitsgedächtnisleistungen bei Erwachsenen und Kindern nachgewiesen werden.
Neben den hier aufgezeigten Vergleichen und Gegenüberstellungen beider Phänomene gibt es mit der Prosodie einen Bereich, in dem sprachliche und musikalische Parameter im Rahmen der Sprachverarbeitung und vor allem im Verlauf des Spracherwerbs miteinander interagieren. Im Gegensatz zu unauffälligen Sprachlernern und Erwachsenen zeigen Kinder mit spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (SSES, engl. SLI) jedoch Auffälligkeiten in der Verarbeitung von prosodischen Parametern. So profitieren sie in Sprachlernsituationen nicht von einer prosodischen Überhöhung der Inputsprache. Ebenfalls konnte gezeigt werden, dass sie sich auch in musikspezifischen Verarbeitungsleistungen (Melodieverarbeitung, Rhythmusverarbeitung, Strukturverarbeitung) von unauffälligen Kontrollkindern unterscheiden. Diese Erkenntnisse bieten neue Rückschlüsse für die Ätiologie und Therapie bei SSES. Der Vortrag gibt einen Überblick über den Einfluss der Musik auf den normalen und gestörten Spracherwerb. Ebenfalls wird ein Modell der Musikverarbeitung im frühen Spracherwerb vorgestellt.

ACHTUNG
6.7.2010
16:30 Uhr

Learning through mere exposure: improvement of sensory, motor and cognitive performance
PD Dr. Hubert Dinse, Institut für Neuroinformatik, Ruhr-Universität-Bochum

Die Vortragssprache ist deutsch.

22.6.2010

Zweit- und Dritt-Sprachentwicklung und deren Relevanz für die Bildungslandschaft
Prof. Dr. Maurits van den Noort, Kyung Hee Universität in Südkorea und Freie Universität Brüssel in Belgien

Zwei- und Mehrsprachigkeit sind heutzutage nichts besonders mehr. In den meisten Ländern der Welt sprechen die Menschen mehr als eine Sprache. Es wird erwartet, dass aufgrund der zunehmenden Migrationsströmungen in vielen Teilen der Welt und wegen der immer größer werdenden Internationalisierung, die Zahl der Menschen, die zwei oder mehr Sprachen sprechen, in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird. Auch die gegenwärtige Politik der Europäischen Union unterstützt Zwei- und Mehrsprachigkeit, sowie multilinguale Bildung. In dem Vortrag werden zuerst die bisherigen psycholinguistischen und neurolinguistischen Erkenntnisse der Zwei- und Mehrsprachigkeitsforschung präsentiert. Es werden kurz die Ergebnisse einiger eigener Studien besprochen und erläutert, was im Bereich der Zwei- und Mehrsprachigkeitsforschung bisher im Allgemeinen gefunden wurde. Danach wird auf die Implikationen für die Bildung, und im Speziellen auf die Bildungssituation in Deutschland fokussiert. Welche Änderungen sind notwendig, um die Zweit- und Drittsprachkenntnisse der deutschen Schüler/Studenten weiter zu verbessern?

Maurits van den Noort studierte Soziale Psychologie und Neuro & Rehabilitationspsychologie an der Radboud Universität Nijmegen in den Niederlanden. Seine Promotionsarbeit absolvierte er an der Universität Bergen in Norwegen. Er ist an Themen wie: Zweit- und Drittspracherwerb, Arbeitsgedächtnis und funktioneller Bildgebung (speziell fMRT) interessiert. Darüber hinaus ist er ein großer Befürworter der frühen Einführung (und Verbesserung) multilingualer Bildung in europäischen Schulen. Zur Zeit arbeitet er als Professor an der Kyung Hee Universität in Südkorea. Des Weiteren ist er als Wissenschaftler an der Freien Universität Brüssel in Belgien beschäftigt sowie  Gastwissenschaftler an der Harvard Graduate School of Education in den Vereinigten Staaten von Amerika.

8.6.2010

Exekutive Funktionen - Basis für erfolgreiches Lernen
Dr. Sabine Kubesch, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen ZNL

Unter die Bezeichnung „Exekutive Funktionen“ fasst man verschiedene kognitive Funktionen, die das menschliche Denken und Verhalten steuern. Dazu zählen: das Arbeitsgedächtnis, die kognitive Kontrolle und kognitive Flexibilität sowie die Selbstregulationsfähigkeit. Diese exekutiven Funktionen unterliegen weiteren Fähigkeiten, wie das Setzen von Zielen, das Verhalten zu planen und Entscheidungen zu treffen, zielgerichtet zu handeln, das eigene Handeln zu reflektieren sowie die Fähigkeit zur Selbstkorrektur, die ebenfalls den exekutiven Funktionen zugeordnet werden. Exekutive Funktionen sind damit höhere geistige Leistungen, die die Steuerung und Kontrolle der Aufmerksamkeit und von Emotionen sowie planvolles und zielgerichtetes Verhalten ermöglichen. Sie dienen der Selbstregulation und der Willensbildung und unterstützen auf diese Weise selbstdiszipliniertes Verhalten.
Wenn man Kinder also dazu ermahnt, „sich zu beruhigen“ oder „besser aufzupassen“, fordert man Verhaltensweisen ein, die dem exekutiven System zugeordnet werden, das im Stirnhirn lokalisiert ist. Diese Steuerzentrale des Gehirns ist erst bei jungen Erwachsenen voll ausgebildet. Exekutive Funktionen beeinflussen jedoch bereits im Kindes- und Jugendalter die Lernleistung und die sozial-emotionale Entwicklung. Gut trainierte exekutive Funktionen sind damit eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und den kontrollierten Umgang mit den eigenen Emotionen. Daher ist es wichtig, diese Gehirnfunktionen in Kindergärten und Schulen über körperliches und kognitives Training gezielt zu fördern.
Da neurowissenschaftliche Erkenntnisse zu exekutiven Funktionen deutschen Bildungsakteuren noch weitgehend unbekannt sind, hat das ZNL in Zusammenarbeit mit der Wehrfritz GmbH und mit Unterstützung der Metzler-Stiftung das Spiel- und Lernprogramm Fex entwickelt. Mit Fex möchten wir neueste Erkenntnisse der kognitiven Neurowissenschaft zum spielerischen Training exekutiver Funktionen für Familien, Kindergarteneinrichtungen und die schulische Praxis nutzbar machen.

ACHTUNG
26.5.2010

How many brains does it take to build a new light?
Bruno della Chiesa, "Centre for Educational Research and Innovation" (CERI), OECD Paris

Unter dem Titel "How many brains does it take to build a new light?" wird Bruno della Chiesa uns etwas über das Abenteuer erzählen, Gehirnforschung und Lernwissenschaften zusammenbringen zu wollen. Er wird von den Problemen erzählen, mit denen man es dabei zu tun bekommt. Er wird aber auch über die schönen Seiten eines solchen Unterfangens berichten. 

Der Vortrag findet auf Englisch statt. Fragen an ihn können aber auch auf Deutsch gestellt werden - und er wird sie auch auf Deutsch beantworten.

11.5.2010

Englischunterricht an der Schwelle von der Primar- zur Sekundarstufe
Univ.Prof. em. Dr. Wolfgang Butzkamm, RWTH Aachen

Prof. Butzkamm wird sich in seinem Vortrag mit dem Englischunterricht an der Schwelle von der Primar- zur Sekundarstufe befassen und konkrete Vorschläge für die Arbeit in Klasse 4 vorstellen, die auf in NRW gesammelten Erfahrungen mit dem letzten Grundschuljahr vor dem Übergang basieren.
Dem Einstudieren und anschließende Spielen von kleinen Dialogen kommt, wie Butzkamm ausführen wird, die Rolle einer zentralen Arbeitsform zu, die Schüler für die Fremdsprache begeistern kann. Aussprache, Wortschatz, Grammatik und Pragmatik werden dabei zusammen erlernt. Besonderes Augenmerk gilt solchen Sätzen, die als produktive Satzmuster von den Schülern erkannt und ausgereizt werden (generatives Prinzip). Kleine Austauschübungen (bilingual substitution drills) ermöglichen es den Schülern, die eingeübten Stücke abzuwandeln und selber kleine Stücke zu schreiben und zu spielen (vgl. Kap 6: „Richtig üben: der Wille zur Meisterschaft“ in Lust zum Lehren, Lust zum Lernen. Eine neue Methodik für den Fremdsprachenunterricht. Tübingen: Narr, 2007).
Kontrovers sind bei diesen Vorschlägen die systematische Mitverwendung der Muttersprache und die Mitverwendung des Schriftbilds von Beginn an.

Der Referent möchte seinen Ansatz im ZNL Ulm vorstellen, ins Gespräch kommen und im Zuge der sich an seinen Vortrag anschließenden Diskussion die Frage aufwerfen, wie Unterrichtsexperimente (ausgehend von schon durchgeführten Experimenten) auszusehen hätten, die in diesen beiden zentralen Fragen (pro/contra Mithilfe der Muttersprache; pro/contra Präsenz des gedruckten Textes) entscheidende Hinweise liefern könnten.

ACHTUNG
19.4.2010

Temperament im Kindesalter
Norbert Herschkowitz, Prof. Dr. med. em., Muri / Bern, Schweiz

Jedes Kind ist ein Unikat und hat von Anfang an sein eigenes Temperament. Geschwister, die im gleichen Haushalt aufwachsen, können das gleiche Ereignis völlig anders erleben und entsprechend darauf reagieren. Emotionalität, Stressempfindlichkeit und Selbstkontrolle haben eine biologische Basis, die aber durch Umgebung und Erfahrungen beeinflusst wird. Temperament hat somit einen grossen Einfluss auf die körperliche und geistige Gesundheit—und nicht zuletzt auch auf das Lernen.

13.4.2010

Wissenschaftliche Begleitung des Modells „Bildungshaus 3-10“
 –  Hypothesen, Studiendesign, Instrumente & erste Zwischenergebnisse

Anlässlich des 1. bundesweiten Kongresses der wissenschaftlichen Begleitung zum Landesmodell „Bildungshaus 3-10“ – Verzahnung von Kindergarten und Grundschule stellte die Forschergruppe am ZNL Ulm im März 2010 ihre Studie und erste Zwischenergebnisse vor. Die Studie wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union (ESF) finanziert und hat zunächst eine Laufzeit von vier Jahren (2008-2012).
Kongressteilnehmer aus nahezu allen Bundesländern und der Schweiz waren für den Kongress „Auf dem Weg zum Bildungshaus“ nach Ulm gereist, um sich über die wissenschaftliche Begleitung und erste Zwischenergebnisse der Studie zu informieren. 
Im Rahmen des Externen Kolloquiums am ZNL soll nun am Dienstag, den 13.4.2010, ab 17 Uhr der interessierten Öffentlichkeit  die Möglichkeit gegeben werden, sich über die wissenschaftliche Begleitung „Bildungshaus 3-10“ zu informieren sowie  mit der Forschergruppe um PD Dr. Michaela Sambanis ins Gespräch zu kommen.