Projekt „Länger leben, länger arbeiten, länger lernen“

Agnes Bauer und Dorothee Reiners
Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen ZNL Ulm

Heute Morgen in der Straßenbahn beobachtete mich ein älterer Mann beim Mobiltelefonieren. Er nickte mir freundlich zu und sagte, nachdem ich aufgelegt hatte: „Wie schön, dass ich das nicht mehr lernen kann in meinem Alter. Die Dinger machen einen ja wahnsinnig.“ Später, im Büro angekommen, las ich dann eine Email meines achtzigjährigen Onkels, in der er mir von seiner neusten Errungenschaft, einem Gehirnjogging-Spiel, erzählte und mich bat, ihn doch mal bei Gelegenheit auf dem Handy anzurufen.

Diese beiden Beispiele machen uns deutlich, wie unterschiedlich Altern und Kompetenz im Alter erlebt werden. Während der Mann in der Straßenbahn überzeugt war, die neuen Technologien nicht mehr erlernen zu können, beschäftigt sich mein Onkel wie selbstverständlich damit und vertraut in seine Fähigkeit Neues zu lernen.

Altern und Lernfähigkeit
Hinter dem Alter und dem Altern verbergen sich spannende Fragestellungen, die die Wissenschaft versucht zu beantworten: Inwieweit sind ältere Menschen fähig Neues zu lernen? Vertraut der Mann aus der Straßenbahn einfach nicht genug in seine Fähigkeiten oder bildet mein 80jähriger Onkel eine Ausnahme unter den „lernunfähigen“ Alten?
Zur Beantwortung dieser Fragen ist es zunächst sinnvoll festzulegen, ab wann wir einen Menschen als einen „älteren Menschen“ bezeichnen. Aus biologischer Sicht gesprochen sind nämlich die meisten Leser, die momentan diesen Newsletter lesen, schon „alt“: Bis zum zwanzigsten Lebensjahr nimmt die Fähigkeit unseres Gehirns, sich neu zu organisieren und neue Strukturen auszubilden (=Neuroplastiztiät) rapide ab, wie etwa Barinaga (2000) in einer Studie zum Fremdsprachenerwerb zeigen konnte. Demnach sind wir, biologisch gesehen, schon beim Eintritt in das Berufsleben „alte Hasen“. Gleichzeitig ist es mittlerweile erwiesen, dass sich das Gehirn ein Leben lang verändern kann und sich damit flexibel auf neue Dinge einstellen kann. Das wurde mittels einer fMRT-Studie (Boyke 2008) in diesem Jahr endgültig bewiesen, in der ältere wie auch jüngere Probanden sich einem Jongleurtraining unterzogen. Und siehe da: auch die Gehirne der älteren Versuchspersonen (über Fünfzigjährigen) veränderten sich nachhaltig in ihrer Struktur. Außerdem erlernten sie das Jonglieren – allerdings ein bißchen langsamer und ein bißchen schlechter.
Halten wir also fest: das Gehirn Älterer ist genauso wie das Gehirn Jüngerer dazu in der Lage, Neues auf sich „wirken zu lassen“ und sich daraufhin umzuorganisieren.
 

Die bildgebenden Verfahren bieten die Möglichkeit während des „Arbeitens“ direkt ins Gehirn zu schauen. Damit kann untersucht werden, ob das Gehirn älterer Menschen möglicherweise anders „funktioniert“ als das jüngerer. Die Ergebnisse deuten daraufhin, dass Ältere teilweise andere Gehirnareale beim Lernen benutzen als Jüngere (Cabeza, Anderson, Locantore, McIntosh 2002), wobei noch nicht geklärt ist, welche Funktion diese veränderte Aktivierung hat, also ob sie, funktionaler oder kompensatorischer Natur ist, soll heißen: funktioniert ein älteres Gehirn vielleicht anders und ist infolgedessen in anderen Arealen aktiv oder schafft ein zusätzlich aktive Region einen Ausgleich dafür, dass die herkömmlichen zuständigen Bereiche nicht mehr so effizient arbeiten? Fragen über Fragen, zu denen es bisher noch keine eindeutige Antwort gibt.

Kommen wir auf meinen Onkel zurück: er als Achtzigjähriger hat vermutlich bessere Testergebnisse als etwa ein untrainierter Fünfundzwanzigjähriger, weil er sein Leben lang seine Fertigkeiten benutzt und entsprechend erhalten und ausgebaut hat. Hier kann also nicht die Rede davon sein, dass man als Älterer prinzipiell schlechter ist. Im Gegenteil!
Des weiteren kommt man bei einer großen Breite an kognitiven Tests an älteren Versuchspersonen zu der übergreifenden Aussage, dass die Unterschiedlichkeit (=Varianz) zwischen Älteren auffallend groß ist. Woher das kommt? Unter anderem beschäftigen sich leistungsfähige Ältere kontinuierlich mit bisher unbekannten und fordernden Tätigkeiten (z.B. Emails schreiben! Handy bedienen!), während die weniger Leistungsfähigen dieselben routinierten Tätigkeiten tagein tagaus durchführen und deren Kompetenzen infolgedessen regelrecht einschlafen. Daraus folgt, dass sich uns das an sich selbe kalendarische Alter mit verschiedenen Gesichtern präsentiert.

Das Projekt „länger leben. länger arbeiten. länger lernen.“ - Use it and get more of it!
Die beschriebenen Erkenntnisse über das Alter und Lernen dienen als Grundlage für das ZNL-Projekt “länger leben. länger arbeiten. länger lernen.“, in dem nun für die Praxis taugliche Konzepte frei nach dem Spruch „Gebrauche dein wertvollstes Organ – use it and get more of it!“ erarbeitet werden.
Die Zielgruppe des Projektes sind Arbeitnehmer aus der Metall- und Elektroindustrie, Personen bis 63 Jahre (zukünftig durch das erhöhte Renteneintrittsalter auch bis 67 Jahre!), die sich in einer Berufsphase befinden, in der man häufig an „seiner“ Maschine angekommen ist, wo Vieles bekannt und vertraut ist und Lernen dem Einzelnen nicht mehr so häufig abgefordert wird wie etwa zu Beginn des Berufs. Da aber der technologische wie auch demographische Wandel es zunehmend erforderlicher machen, sich auch in späteren Berufsjahren dem Lernen zu stellen, lautet die Leitfrage des Projekts: wie kann Lernen und sich Verändern im Berufsalltag der Werker häufiger eingefordert und ermöglicht werden, so dass die Fähigkeiten ein Berufsleben lang am Leben gehalten werden?
Unsere Interviews in dreizehn Partner-Unternehmen mit Personalern, Meistern und Mitarbeitern im produzierenden Bereich und einer Online-Befragung mit fast zweihundert Befragten macht deutlich, dass zwar fast alle befragten Arbeitnehmer eigentlich gerne lernen und denken, dass Lernen über die gesamte Lebensspanne wichtig sei. Gleichzeitig scheinen die Arbeitnehmer aber damit überfordert zu sein, ihre eigene Entwicklung im Betrieb mitzugestalten und ihre „Lerner-Zukunft“ eigenständig zu planen und anzugehen, um ihre eigene Beschäftigungsfähigkeit voranzutreiben (siehe dazu auch die Repräsentativ-Befragung von Baethge & Bathge-Kinsky 2004). Passend dazu ein Zitat eines Meisters:
"Wenn man die Mitarbeiter fragt, was sie machen müssen, damit eine Maschine auch in 20 Jahren noch läuft, wissen viele eine Antwort. Wenn man sie fragt, was sie machen müssen, damit sie selbst in 20 Jahren noch arbeiten können, sind die meisten ratlos."

….damit Sie auch morgen noch kraftvoll zupacken können!
Deshalb soll im zweiten Schritt des Projekts „länger leben, länger arbeiten, länger lernen“ in Pilotprojekten genau hier angesetzt werden: der Mitarbeiter soll befähigt werden, seine Entwicklung im Sinne eines Unternehmers in eigener Sache selbst anzugehen, die Meister sollen darin geschult werden, die Mitarbeiter auf ihrem Weg zu begleiten und zuletzt sollen Produktionssysteme dahingehend untersucht werden, wo versteckte Lernchancen liegen, um diese für das Lernen des Einzelnen nutzbar zu machen. Die angedachten Pilotprojekte haben gemeinsam, dass Lernen in den täglichen Arbeitsprozess integriert werden soll,…..damit die Beteiligten auch (über)morgen noch erfolgreich lernen können, so ähnlich wie es uns die Werbung mit der Zahnpasta verspricht!

Literatur:

Barinaga, M. (2000). A critical issue for the brain. Science, 288, p. 2116 – 2119.

Baethge, M. & Baethge-Kinsky, V. (2004). Der ungleiche Kampf um das lebenslange Lernen. edition QUEM, Band 16. Waxmann Verlag, Münster.

Boyke, J., Driemeyer, J., Gaser, C., Büchel, C. & May, A. (2008). Training induced brain structure changes in the elderly. Journal of Neuroscience

Cabeza, R., Anderson, N. D., Locantore, J. K. & McIntosh, A. R. (2002). Aging Gracefully: Compensatory brain activity in High-Performing older adults. NeuroImage, 17, p. 1394–1402.

Hedden, T. & Gabrieli, J. D.E. (2004). Insights into the ageing mind: a view from cognitive neuroscience. Nature reviews Neuroscience, 5, p. 87 – 97.
 

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