Lernrelevante Faktoren des LernCoaching – Oder auch: Das Lernen gestaltbar machen!

Andreas Müller, Learning Factory

Lernen ist eine persönliche Angelegenheit. Denn Menschen lernen selbst und ständig. Bei schulischem Lernen kommt eine spezielle Komponente dazu: Es hat den Anspruch, zielführend zu sein. Wer also Lernende begleitet, sollte stets dessen Erfolg im Blick haben. Genau darum geht es beim LernCoaching: LernCoaches verstehen sich als Gestalter einer förderlichen Lernkultur mit dem Ziel, institutionelles Lernen als erfolgreich und Sinn stiftend erlebbar zu machen (Müller, 2002; Fuchs, 2008).
Der wissenschaftlich verstandene Fachbegriff ‚Coaching’ benennt eine spezifische Form professioneller Beratung und Begleitung, deren Fokus grundsätzlich auf die berufliche Praxis des Ratsuchenden (hier: Coachee) gerichtet ist. Oder kurz: „Das Ziel ist, dem Coachee seine Selbstregulierungsfähigkeiten wiederzugeben und damit sein Selbstmanagement zu optimieren.“ (Pallasch & Petersen, 2004). Coaching hat offensichtlich zum Ziel, Menschen zu unterstützen. LernCoaching bezieht sich daher immer auf den Lernerfolg. Aber eben: eine Art und eine Qualität von Erfolg, die mit der üblichen Kurzzeitgedächtnisakrobatik nichts zu tun hat. Denn LernCoaching zielt auf Leistungen weitab des gängigen Bulimie-Lernens. Damit ist klar: LernCoaching ist explizit keine Reparaturwerkstätte. Es geht genau nicht darum, in der Schule weiter zu fahren wie bis anhin – und dann für jene, die Probleme haben oder machen, eine Art Auffang- und Notfallstation zu installieren, die man zum Zwecke höherer Sozialverträglichkeit „LernCoaching“ nennt. Es geht auch nicht um ein begriffliches Facelifting von Nachhilfe-Unterricht. Es geht ebenfalls nicht um eine versteckte Form von Selektion. Und es geht schon gar nicht darum, die ohnehin übertherapierte (Schul) Gesellschaft mit einer neuen Schön-haben-wir-darüber-gesprochen-Funktion zu beglücken.
Worum geht es also beim LernCoaching? „Beim LernCoaching geht es um den Aufbau und die Verbesserung individueller Kompetenzen und persönlichen Wissensmanagements sowie um die damit verbundenen Lernprozesse im Blick auf ihre Ökonomie, ihre Strukturiertheit, ihre Selbstregulation und ihre Sicherung.“ (Hameyer, 2004). Aber es geht noch einen Schritt weiter: LernCoaching geht davon aus, dass Schule nicht mehr wie Schule aussieht. Dass Schule sich nicht mehr wie Schule anhört. Dass Schule nicht mehr wie Schule ist. Und weil Schule nicht mehr wie Schule ist, gibt es eben auch nicht mehr die Dualität von Lehrer und Schüler. Mit dem Wandel der Schule geht ein Wandel der Rollen einher. Ansichten, Einsichten, Aufgaben, Verantwortlichkeiten verändern sich. Und zwar von Grund auf. LernCoaching ist deshalb auch und gerade Arbeit am System. LernCoaches warten nicht darauf, bis irgendjemand ihnen optimale Rahmenbedingungen gibt. Sie tun es selber.
In der Weiterbildung zum LernCoach finden neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernen ebenso ihren Platz wie die Auseinandersetzung mit und Anwendung von praktischen Werkzeugen oder Instrumenten in der täglichen Arbeit (z.B. der Umgang mit Kompetenzrastern, die Arbeit mit Portfolios). Dadurch wird der notwendige Bogen zwischen Theorie und Praxis gespannt und fruchtbar gemacht, für den Lernenden als auch den Lernbegleitenden oder LernCoach. Dafür steht auch die Kooperation zwischen dem Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) und der Schweizer Learning Factory: Lernen neu denken – mit den Brillen der Wissenschaft und der Praxis – eine neue Lernkultur gestalten.
Wie arbeitet nun ein LernCoach? Seine Aufgabe ist es, die sechs lernrelevanten Faktoren im Hinblick auf eine individuelle Erfolgswahrscheinlichkeit möglichst günstig zu beeinflussen (Müller, 2004; Abbildung): Aber eben: Lernen lässt sich nicht in Einzelteile zerlegen. Die Faktoren, die erfolgreiches Lernen fördern, wirken integral durch die Dynamik ihrer Rückkoppelungsprozesse.

Orientierung: Grundlage ist eine transparente und einsichtige Orientierung – quasi eine inhaltliche Landkarte. Es geht darum zu wissen, was man können könnte. Es geht darum, die Erwartungen abzustecken (Referenzwerte). Und es geht um das Bewusstsein der eigenen Situation.

Auseinandersetzung: Das Ziel heißt: Verstehen. Aus etwas Fremdem etwas Eigenes machen. Einer Spur folgen und konstruktiv mit Widerständen umgehen. Lernnachweise auf individuellem Herausforderungsniveau sind das Ergebnis eigener Zielformulierungen.

Arrangements: Offene und bedürfnisgerechte Arbeitsformen führen zu einer Verlagerung des Aktivitätsschwerpunktes. Umgang mit Vielfalt auf der Grundlage einer Vereinbarungs- und Einforderungskultur. Lernorganisation ist immer auch (und vor allem) Selbstorganisation.

Evaluation: Den Evaluationsabsichten kommt eine präformierende Wirkung zu. Kompetenzorientiertes Lernen verlangt nach entsprechendem Umgang mit Lernleistungen: referenzieren, präsentieren, reflektieren, dokumentieren. Förderung statt Selektion.

Lernort: Die Umgebung wirkt determinierend auf das Verhalten (z.B. Aktivitätsschwerpunkt). Räume dienen der Funktionalität, der Ästhetik und der Inspiration. Ausserschulische Lernorte systematisch einbeziehen. Strukturierte Materialien als Lernanlässe offerieren.

Interaktion: Eine lösungs- und entwicklungsorientierte Interaktion folgt der Logik des Gelingens. Das setzt ein Interesse an den Lernenden und an ihrem Erfolg voraus. In einer Kultur des voneinander und miteinander Lernens werden Betroffene zu Beteiligten.

Die sechs lernrelevanten Faktoren sind eingebettet in vier Rahmenfaktoren. Dabei geht es in erster Linie um Haltungen und Einstellungen – zu sich, zu anderen und zu den Dingen.

Menschenbild: Kein Kind steht am Morgen auf und sagt: „Heute bin ich ein schlechter Mensch.“ Lernende wollen lernen. Sie wollen „gut“ sein, anerkannter Teil der Gemeinschaft. Das verlangt nach Vertrauen und Wertschätzung.

Rollenverständnis: Menschen leben die Rollen, die sie sich geben oder die ihnen zugewiesen werden. Die Förderung von Selbstgestaltungskompetenz verlangt nach Hilfe zu Selbsthilfe. Weniger Schüler, mehr Lernunternehmer hier und mehr Coach und Berater da.

Lernverständnis: Lernende konstruieren sich die Welt. Sie lernen – vor ihrem biografischen Hintergrund - selbst und ständig. Das hat aber nichts mit einem Jahrmarkt der Beliebigkeiten zu tun. Schulisches Lernen soll als zielführend, erfolgreich und Sinn stiftend wahrgenommen werden.

Funktionsverständnis: Die Funktion bestimmt die Form. Eine individuelle Kompetenzentwicklung verlangt nach maßgeschneiderten Programmen. Ziel ist der persönliche und schulische Erfolg aller Lernenden. Nicht abschluss- sondern anschlussfähig sollen sie sein, anschlussfähig an relevante Lebenssituationen.

Weiterführende Literatur:

  • Fuchs, Carina (2008): Anstiftung zum Lernerfolg. Bern: hep-Verlag
  • Hameyer, Uwe: Arbeitspapier. 2004
  • Müller, Andreas: Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. hep-Verlag. Bern. 2002
  • Müller, Andreas: Erfolg! Was sonst? Generierendes Lernen mach anschlussfähig. Oder: Bausteine für LernCoaching und eine neue Lernkultur. hep-Verlag. Bern. 2004
  • Pallasch, Waldemar/Petersen, Ralf: Coaching. Das Kieler Coaching Modell (KCM). Teil 1 Theoretische Grundlegung. Advanced Studies. Kiel. 2004

 

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