Der Einfluss von langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren auf Verhalten und Kognition bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung - die EFA-Studie

Dr. Katharina Widenhorn-Müller, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Ulm
Simone Schwanda, Sozialpädiatrisches Zentrum und Kinderneurologie, Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Elke Scholz, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Ulm
Prof. Dr. Harald Bode, Sozialpädiatrisches Zentrum und Kinderneurologie, Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

Ablauf und Stand der Studie:
Im April 2009 haben wir begonnen Kinder zwischen 6 und 12 Jahren mit Verdacht auf AD(H)S zu testen. Knapp 20 Probanden sind derzeit in der Interventionsphase, bzw. haben diese schon abgeschlossen. Bei weiteren 20 Probanden laufen derzeit die ersten Tests. Insgesamt sollen 110 Kinder kontinuierlich in die Studie aufgenommen werden. Mit ersten Ergebnissen ist ab Mitte 2011 zu rechnen.

Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine relativ häufig diagnostizierte Störung im Kindes- und Jugendalter, die durch motorische Unruhe (Hyperaktivität), Unkonzentriertheit, erhöhte Ablenkbarkeit und Impulsivität gekennzeichnet ist. Ungefähr 4-7% aller Kinder sind davon betroffen.

Die Symptome führen bei den betroffenen Kindern zu einem geringen Selbstwertgefühl, gravierenden Schulproblemen und belasten neben den Kindern auch deren Familien und das soziale Umfeld
Seit etwa 20 Jahren wird vermutet, dass ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren (langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren) eine der Ursachen von ADHS sein könnte.
In unserer Studie soll deshalb untersucht werden, ob die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren zu einer Verbesserung der ADHS-Symptome führt.

Fettsäuren und zentrales Nervensystem
Das zentrale Nervensystem ist nach dem Fettgewebe das fettreichste Organ im menschlichen Körper. So besteht die Gehirntrockenmasse zu 50-60% aus Fetten. Das Gehirn, die Netzhaut und andere neuronalen Gewebe zeichnen sich durch einen besonders hohen Gehalt an langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren aus. Diese bestehen im Wesentlichen aus Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren.
Da mit unserer Ernährung üblicherweise relativ wenige Omega-3-Fettsäuren aufgenommen werden, wird vermutet, dass ein Mangel an diesen wichtigen Fettsäuren das Nervensystem beeinträchtigen kann. (weitere Informationen im Abschnitt „Hintergrund“)

EFA-Studie
Da die zu diesem Thema bisher veröffentlichten Studien keine eindeutigen Ergebnisse liefern, wird in Kooperation mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Ulm eine Interventionsstudie durchgeführt.

Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren, die die Aufnahmekriterien erfüllen, können in die Studie aufgenommen werden. Die Intervention erstreckt sich über 4 Monate. Während dieser Zeit nehmen die Studienteilnehmer Kapseln ein, die entweder Omega-3-Fettsäuren oder ein sogenanntes Placebo enthalten. Das Placebo besteht aus einem Öl ohne langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Dieses Placebo ist notwendig, um die Wirkung der Omega-3-Fettsäuren beurteilen zu können (placebokontrollierte Doppelblindstudie).

Ob sich durch die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren die ADHS Symptomatik verändert, wird zu Beginn der Studie und nach 4 Monaten untersucht. Dazu werden standardisierte Leistungstests, Konzentrationstests und Fragebögen zum Verhalten des Kindes verwendet, die für eine fundierte ADHS- Diagnostik und Verlaufskontrolle notwendig sind.

Wir suchen für die EFA Studie weiterhin Probanden. Teilnehmen können Kinder mit ADHS zwischen 6 und 12 Jahren, die kein anderes Medikament zur Behandlung von ADHS einnehmen.
Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Frau Müller (0731-500-62013) oder Frau Scholz (0731-500-63005)

Hintergrund
Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren:
Man unterscheidet je nach Lage der Doppelbindung im Fettsäuremolekül zwischen Omega 3- und Omega-6 Fettsäuren. Die Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), gehören zur Omega-3 Familie, während es sich bei AA (Arachidonsäure) um eine Omega-6 Fettsäure handelt.

Fettsäurestoffwechsel und Vorkommen der langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFAs)
Die langkettigen ungesättigten Moleküle werden im Körper entweder aus den essentiellen Vorläufermolekülen Linolsäure (Omega-6 Serie) und α-Linolensäure (Omega-3 Serie) synthetisiert, oder direkt über die Nahrung aufgenommen. Linolsäure und α-Linolensäure sind Bestandteile von pflanzlichen Ölen, Nüssen und Samen. Die biochemische Synthese von α-Linolensäure zu DHA verläuft im Menschen nur sehr unzureichend und eine ausreichende Versorgung mit den langkettigen Omega-3 Molekülen ist deshalb vor allem von den individuellen Ernährungsgewohnheiten abhängig. Da Fleisch und Milchprodukte reich an AA sind, und DHA und EPA in ausreichenden Mengen nur in fettreichem Fisch (z.B. Lachs, Makrele) vorkommen, zeichnet sich die Ernährung, zumindest in der westlichen Welt, durch eine Überversorgung mit Omega-6 PUFAs und einen Mangel an Omega-3 PUFAs aus.

Literatur
Weiland, U., Widenhorn-Müller, K. (2008). Langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren - eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung?. Nervenheilkunde 2008; 27(9); 789-793

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