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Editorial Manfred Spitzer und Sabine Kubesch, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen ZNL Ulm Zur Definition und Bedeutsamkeit exekutiver Funktionen für die pädagogische Praxis Zu den exekutiven Funktionen zählen das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition und die kognitive Flexibilität. Das Arbeitsgedächtnis ist trotz seiner begrenzten Speicherkapazität von etwa 5 bis 7 Elementen wie Worte, Objekte und Ziffern über einen Zeitraum von nur wenigen Sekunden von großer Bedeutung. Es ermöglicht eine aktive Aufrechterhaltung aufgabenrelevanter Informationen, die für weitere Operationen benötigt werden. Bei Kopfrechenaufgaben wie 97+13–5+9 beispielsweise muss man sich, während man die Zahl 13 zu 97 addiert, mit Hilfe des Arbeitsgedächtnisses merken, dass man anschließend von der errechneten Summe zunächst die Zahl 5 subtrahiert und in einem weiteren Rechenschritt die Zahl 9 addiert. Ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis ermöglicht es zudem, sich an eigene Handlungspläne oder an Instruktionen anderer Personen besser zu erinnern, wodurch Handlungsalternativen verstärkt berücksichtigt werden können. Das Arbeitsgedächtnis ist darüber hinaus in der Lage, die gespeicherten Informationen derart zu verwenden, dass komplexe kognitive Funktionen wie die Sprache entstehen können. Die Inhibition, d.h. die kontrollierte Verhaltenshemmung bzw. Selbstregulation (die Steuerung des Verhaltens unter Berücksichtigung emotionaler Prozesse bzw. in sozialen Situationen), ist eine weitere wichtige exekutive Funktion, die flexibles Verhalten ermöglicht. Sich in einer bestimmten Weise zu verhalten bedeutet immer auch, sich auf viele andere Weisen NICHT zu verhalten. Vielfach bedeutet dies wiederum, nicht ständig von äußeren Bedingungen, den eigenen Emotionen oder fest verankerten Verhaltensweisen beeinflusst zu sein, sondern zielgerichtet und flexibel zu handeln. Durch die Fähigkeit, Verhalten zu hemmen, gelingt es damit, diejenigen Aktivitäten oder Handlungen zu vermeiden, die einem angestrebten Ziel oder dem aktuellen Kontext entgegenstehen. Mit einer guten Inhibition fällt es also leichter, den Fernseher nicht einzuschalten, sondern mit den Hausaufgaben zu beginnen, den Ausdauerlauf auch bei Regen zu starten, auf das zweite Kuchenstück zu verzichten oder einen Konflikt mit Worten und nicht mit Fäusten auszutragen. Die Inhibition und Selbstregulationsfähigkeit unterstützen auf diese Weise selbstdiszipliniertes Verhalten und dienen der Willensbildung. Eine gut ausgebildete kognitive Flexibilität, die auf dem Arbeitsgedächtnis und der Inhibition aufbaut, ermöglicht es, sich auf neue Anforderungen schnell einstellen zu können. Sie beschreibt zudem die Fähigkeit, Personen und Situationen aus anderen, neuen Perspektiven zu betrachten und zwischen diesen Perspektiven zu wechseln. Eine gut ausgebildete kognitive Flexibilität hilft damit, offen zu sein für die Argumente anderer, aus Fehlern zu lernen und sich auf neue Lebenssituationen und Arbeitsanforderungen schneller und besser einzustellen. Inhalte des Newsletters Um diese Erkenntnisse für Familien, Kindergarteneinrichtungen und die schulische Praxis nutzbar zu machen, entwickelt die Arbeitsgruppe „Exekutive Funktionen und Sport“ des ZNL seit Januar 2010 in Zusammenarbeit mit der Wehrfritz GmbH und mit Unterstützung der Metzler-Stiftung das Spiel- und Lernprogramm Fex. Darüber informieren der Newsletterartikel „Fex - Förderung exekutiver Funktionen“, unsere Fex Broschüre und die Fex-Homepage. Fex wurde erstmals auf der Didacta 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt. Am 16. März hielt Manfred Spitzer den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Selbstkontrolle - Gehirnforschung zu den Grundlagen des Lernens“. Die Aufzeichnung des Vortrags finden Sie auf der Fex-Seite von Wehrfritz. In dem Projekt „Förderung der Selbstregulation in der Grundschule“, das in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Kultusministerium und mit Unterstützung der Metzler-Stiftung erfolgt, erarbeiten 14 Lehrerinnen aus 11 bayerischen Grundschulen im intensiven Austausch mit Mitarbeitern des ZNL und mit Wehrfritz Methoden und Materialien zur Förderung der Selbstregulation und weiterer exekutiver Funktionen von Grundschulkindern. Der Beitrag „Wie Fex in die Schule kam“ von Laura Walk und Sabine Kubesch beschreibt dieses interdisziplinäre Projekt. Anschließend erläutern Susanne Häberle und Sabine Kubesch in „Exekutive Funktionen – die Basis für Lernleistung oder weshalb Lernen so schwer fallen kann“, alltägliche Lernsituationen, die im Zusammenhang mit exekutiven Funktionen stehen und die Ursache dafür sein können, weshalb erfolgreiches Lernen und Unterrichten oftmals nur eingeschränkt gelingen. Die Autorinnen zeigen, dass erfolgreiches Lernen bereits vor dem Lernen beginnt und in starkem Maße von exekutiven Funktionen abhängt, die spielerisch gefördert werden können. Die Arbeitsgruppe „Exekutive Funktionen und Sport“ arbeitet in ihren Projekten mit Experten aus den Bereichen Pädagogik, Schulpsychologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Sport zusammen. Die Experten aus den verschiedenen Fachbereichen unterstützen die ZNL-Arbeitsgruppe als freie Mitarbeiter: Der Diplomlehrer Detlef Wittmann leitet das Lernstudio ELEA, eine lerntherapeutische Praxis in Coburg. Er liefert einen „Erfahrungsbericht zur Förderung exekutiver Funktionen von Kindern mit Legasthenie und Dyskalkulie“. Karsten Schaper, Schulpsychologe an der Schulpsychologischen Beratungsstelle der Landeshauptstadt Düsseldorf, befasst sich in seinem Newsletterbeitrag mit „Exekutiven Funktionen aus der Perspektive der Schulpsychologie“. Eingeleitet wird dieser Beitrag mit der Vorstellung eines Tests zur Untersuchung der Selbstregulationsfähigkeit von Kindern, der Aussagen über deren späteren Lebenserfolg zulässt. Markus Karr ist Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie an der Tagesklinik und Institutsambulanz Potsdam am Asklepios Fachklinikum. Er geht in seinem Beitrag auf die „Förderung exekutiver Funktionen bei aufmerksamkeitsgestörten und hyperkinetischen Kindern (ADHS)“ ein. Der Newsletter schließt mit einem Interview mit Armin Emrich und Frieder Beck zu „Exekutiven Funktionen im Hochleistungssport und in der Schule“. Armin Emrich ist Fachleiter Sport am Oberschulamt Freiburg und ehemaliger Handballnationalspieler und -trainer. Frieder Beck unterrichtet am Gustav-Stresemann Gymnasium in Fellbach die Fächer Sport und Mathematik. Er ist zudem Trainer der Deutschen Ski Freestyle Nationalmannschaft. Exekutive Funktionen am ZNL In Rahmen von Vorträgen und Workshops des ZNL zum Thema „Exekutive Funktionen“ und den daran anschließenden Diskussionen mit den Teilnehmern wurde deutlich, dass in der alltäglichen Arbeit von Pädagogen exekutive Funktionen eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig erfahren wir, dass im deutschen Bildungssystem das Wissen um die Bedeutung exekutiver Funktionen für eine optimale Förderung der Kinder und Jugendlichen noch weitgehend unbekannt ist. Bislang wissen nur wenige Bildungsakteure von diesen zentralen Gehirnfunktionen und davon, wie man diese kognitiv, aber auch körperlich trainieren und damit Einfluss auf die schulische Lernleistung sowie die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nehmen kann. Dies liegt vor allem an der bislang geringen Anzahl an Veröffentlichungen, die kognitions- und neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die pädagogische Praxis aufbereiten. Darüber hinaus fehlt es an pädagogischen Konzepten, durch deren Umsetzung exekutive Funktionen von Heranwachsenden gezielt gefördert werden. Um dieses Defizit auszugleichen, arbeitet das ZNL im Rahmen von Fex im engen Austausch mit Pädagogen aus Forschungsschulen des ZNL, unterstützt von Wissenschaftlern der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III des Universitätsklinikums Ulm, den freien Mitarbeitern der Arbeitsgruppe „Exekutive Funktionen und Sport“, der Wehrfritz GmbH und der Metzler-Stiftung. Dabei ist das Interesse an Fortbildungen zu exekutiven Funktionen für die pädagogische Praxis in den vergangenen Monaten so stark gestiegen, dass das ZNL ein Multiplikatorenprogramm aufbauen möchte, um die große Nachfrage an Fortbildungsveranstaltungen decken zu können. Über die ZNL- und die Fex-Homepage werden wir Sie über die weitere Entwicklung rund um die Förderung exekutiver Funktionen und Fex informieren. |