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Unausgereifte exekutive Funktionen und erhöhte Risikofreude in der Pubertät führen zu riskanten Verhaltensweisen

In der Forschung lassen sich verschiedenste Ansätze zur Erklärung dieses riskanten Verhaltens in der Pubertät finden. Der bekannteste und meist untersuchte Ansatz ist das sozialisationstheoretische Belastungs-Bewältigungs-Modell, nach dem aus dem Zusammenwirken von psychosozialen Belastungen und mangelnden vorhanden Kompensationsressourcen Risikoverhalten resultiert (Mansel & Hurrelmann, 1991). Forscherinnen und Forscher haben in den letzten Jahren begonnen, Risikoverhalten auf neurobiologischer Basis zu erklären und sind dabei auf interessante Erkenntnisse gestoßen.

Erhöhte Risikofreude durch Veränderungen im Gehirn

Die Ergebnisse groß angelegter Längsschnittstudien haben gezeigt, dass während der Jugendzeit eine grundlegende Reorganisation des Gehirns stattfindet (Giedd et al., 1999). Während der Pubertät gleicht das Gehirn eines Jugendlichen einer Großbaustelle. Vor allem führen Veränderungen im sogenannten limbischen System (Belohnungszentrum) und im präfrontalen Kortex (Stirnhirn) in der Pubertät zu einem Ungleichgewicht, das zur Folge hat, dass Jugendliche risikofreudiger sind und häufiger gefährliche Dinge tun.

Eine wichtige Veränderung im Gehirn, die großen Einfluss auf das Verhalten von Jugendlichen zeigt, ist der Abbau von Dopamin-Rezeptoren (Steinberg et al., 2008). Studien konnten zeigen, dass die Rezeptordichte während der Pubertät um ca. 30 Prozent zurück geht (Gapin, Labban, & Etnier, 2011). Der Abbau von Rezeptoren setzt mit einem Alter von ca. neun bis zehn Jahren ein und zeigt sich bei Jungen stärker als bei Mädchen (Sisk & Foster, 2004). Der Neurotransmitter Dopamin ist von großer Bedeutung für das Belohnungszentrum des Gehirns. Die Ausschüttung von Dopamin sorgt für Glücksgefühle und jeder Mensch strebt danach, dass diese Reaktion hin und wieder ausgelöst wird. Dopamin wird bei relativ harmlosen Erlebnissen, wie einem guten Abendessen gemeinsam mit Freunden ebenso ausgeschüttet, wie auch in Situationen mit mehr „Kick“, zum Beispiel bei einem spannenden Krimi.

Der Verlust der Dopamin-Rezeptoren während der Pubertät führt dazu, dass das Belohnungszentrum weniger sensibel auf ausgeschüttetes Dopamin reagiert. Dies hat zur Folge, dass Jugendliche in diesem Alter oft lust- und antriebslos sind. Die bis dahin als positiv empfundenen Tätigkeiten und Erlebnisse liefern nun nicht mehr die gewohnten Effekte durch die Veränderung der dopaminergen Aktivität. Ein Krimi, der von Erwachsenen als spannend empfunden wird, finden Jugendliche schnell mal langweilig. Für sie braucht es mehr, um gleichermaßen Glücksgefühle zu empfinden. Deshalb sind sie häufig auf der Suche nach positiver Stimulation, wenden sich Neuem und Unbekanntem zu und neigen im stärkeren Maße zu riskantem Verhalten, wie z. B. Drogen- und Alkoholmissbrauch, ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder risikoreichem Radfahren (Steinberg, 2008).

Leider sind dies oft Dinge, die teilweise sehr gefährlich sind und negative Folgen haben können. Die Gefahren sind den Jugendlichen zwar oft bewusst, aber sie werden ignoriert. Grund hierfür ist das Fehlen eines starken Gegenspielers, der das am Dopamin orientierte Belohnungssystem kontrolliert. Der Gegenspieler im Gehirn ist das Stirnhirn – der Sitz der exekutiven Funktionen. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir unsere Handlungen und Bewegungen bewusst steuern und überlegt entscheiden können. Mit Ihrer Hilfe sind wir in der Lage auch langfristig zu denken und mögliche Konsequenzen unseres Verhaltens gezielt mit zu beachten. Emotionale und motivationale Impulse aus dem Belohnungszentrum werden im besten Fall hier kontrolliert und erst nach sorgfältiger Überprüfung als Handlung umgesetzt. In der Pubertät sind die exekutiven Funktionen jedoch noch nicht ganz ausgereift, was zur Folge hat, dass bei Jugendlichen in emotionalen Situationen das weiter gereifte Belohnungszentrum sozusagen die Oberhand über das noch nicht ausgereifte exekutive Kontrollsystem gewinnt. Die Situation ist vergleichbar mit einem Rennfahrer, der aufgrund seiner bisher geringen Fahrerfahrung keine angemessene Kontrolle über ein Fahrzeug hat, dass zu viel PS besitzt.

ZNL - YOLO
                          Abbildung: Das Zusammenspiel des Stirnhirns und des Belohnungszentrums im Jugendalter.